Die Kirchen im 2. Weltkrieg
Patrice Neff
11. Mai 2002
Dieses Dokument fasst die Rolle der Kirchen unter Hitler zusammen.
Das Auffinden von Informationen zu diesem Thema war sehr schwierig.
Einen sehr guten Überblick liefert Armin
Sierszyn[5]. Dieses Dokument basiert fast
ausschliesslich auf das Kapitel 13 aus diesem Buch. Wo nötig habe ich
mich auf einige andere
Bücher[1,2,3,4]
und auch Internet-Ressourcen abgestützt.
Überlebenskampf der Kirchen im Umfeld ideologischer Mächte
Nach dem Ersten Weltkrieg
- Sturz der Kaiserreiche Russland, Österreich und Deutschland
- Kirche verliert wirksamen Rückhalt
- Russische Revolution: Strikte Trennung von Kirche und Staat,
Verfolgung der orthodoxen Kirche
- Günstige Bedingungen für Kirchen in der Weimarer Verfassung
(1919): Kirchen bleiben im öffentlichen Recht verankert, sind
selbständig, kriegen weiterhin Steuern zugeschoben
- Antikirchliche und antichristliche Stimmen in Presse
- Sozialisten propagieren Kirchenaustritte
- Landesherren fallen weg, damit verlieren protestantische Kirchen
die Struktur, 1922 Vereinigung zum Deutschen Evangelischen
Kirchenbund (DEK)
- Verbindung von nationalem und christlichem Denken, auch der
protestantischen Pfarrer. Auch in anderen Ländern (England, USA) der
Fall, in Deutschland aber durch die Krise übersteigert.
- Gebietsverlust, aber innere Stärkung
- Neue Gebiete tun sich auf, Klöster werden neu belebt
- Erneuerung der Jugendbewegung
- 1929: Lateranverträge mit Mussolini
- 1933: Reichskonkordat mit Hitler
- Freiheit der Kirche bei Seelsorge und Recht auf katholische
Erziehung
- Beschränkung katholischer Vereine und Verbände auf religiöse,
kulturelle oder karitative Aufgaben, also z.B. keine politischen
Betätigungen
- Verbot der politischen Tätigkeit für Geistliche
- Treueid jedes neuen Bischofs auf die Regierung
- Verbot von katholischen Jugendverbänden und kirchlichem
Vereinswesen, wenn sie der Hitler-Vorherrschaft im Weg stehen.
Kirche und Nationalsozialismus
- Kirche nicht neronisch1 verfolgt
- Vernichtung der Kirche nicht weit oben auf Hitlers Todo-Liste,
möchte sich nach dem Endsieg darum kümmern
- Kirche soll dem NS-Programm gleichgeschaltet werden
- Ziel Hitlers: Vereinigung der 28 Landeskirchen zur Reichskirche
- Gruppierung ,,Deutsche Christen'' (DC) mit folgenden Zielen:
- arische Reichskirche
- Nationalsozialismus in Kirche
- aus ,,jämmerlich zersplittertem Protestantismus'' eine
Volkskirche formen
- Ende 1932: Preußische Kirchenwahlen, ,,Deutsche Christen''
kriegt einen Drittel der Sitze
- 23. März 1933: Hitler sagt:
,,Die nationale Regierung sieht in den beiden christlichen
Konfessionen wichtige Faktoren in der Erhaltung unseres Volktums.
... ihre Rechte sollen nicht angetastet werden.''
- Anfangs Mai 1933: Walter Küneth, Hanns Lilje u.a. gründen
Jungreformatorische Bewegung (JB)
- Aufruf zum ,,Neubau der Kirche'', lehnt das Ausschliessen von
Nichtariern aus der Kirche ab
- Wurzelboden für die spätere Bekennende Kirche
- Bildet an Kirchenwahlen (Juli '33) Gruppe ,,Evangelium und
Kirche''
- 26./27. Mai 1933: Pastor Friedrich v. Bodelschwingh d.J. wird
zum Reichsbischof gewählt
- 23. Juli 1933: Kirchenwahlen unter massiver Propaganda der
NSDAP. 156 DC-Vertreter und 71 Vertreter von ,,Evangelium und
Kirche'' gewählt.
- September 1933: Nationalsynode wählt Ludwig Müller -
NSDAP-Mitglied und DC Landesleiter - zum Reichsbischof
- 6. September 1933: Arierparagraph wird angenommen, Fraktion
,,Evangelium und Kirche'' verlässt vor der Abstimmung den Saal
- Ende September 1933: Martin Niemöller gründet Pfarrernotbund
- Anfangs 2'000 Mitglieder, wächst auf 7'000 von 18'000 Pfarrer
im Januar 1934
- Verpflichtung zur alleinigen Bindung an Schrift und Bekenntnis
- November 1933: Generalversammlung der ,,Deutschen Christen''
- Altes Testament wird verhöhnt, jüdische Herkunft der Bibel,
Jesus, Apostel, etc. werden verleugnet
- Danach verlieren die ,,Deutschen Christen'' schnell an
Bedeutung, spalten sich, verliert Rückhalt von Hitler
- Frühjahr 1934: Bekenntnisfront zum Kampf gegen ,,Deutsche
Christen'' aus Pfarrernotbund gebildet
- 1. Bekenntnissynode: 29-31. Mai 1934
- Barmer Erklärung wird verabschiedet und das Fundament der
bekennenden Kirche
- Bekennt Glaube, verwirft Fälschung des Evangeliums und
Totalitätsanspruch des Staates
- 2. Synode: Oktober 1934, kirchliches Notrecht verkündet
- 1935: Eigene Kirchliche Hochschulen, welche sofort verboten
werden
Der Kirchenkampf von 1935 bis 1939
- Kirchenausschüsse für die Gemeinden der ,,Deutschen Christen''
und Bekennende Kirche
- Einige Landesbruderräte arbeiten auf Grundlage von Römer
132 vorsichtig mit
- Bekenntnisfront spaltet sich auf Bekenntnissynode (Feb 1936),
da einige die Zusammenarbeit als Verrat an der Kirche werten
- Mai 1936: Radikaler Flügel der BK - unter ihnen M. Niemöller, D.
Bonhoeffer und H. Gollwitzer - verfasst Dokument an Hitler über die
Menschenrechtsverletzungen
- Kirchenausschüsse geben Aufträge als unerfüllbar zurück, da
zwischen DC und BK über viele Punkte keine Einigkeit erzielt werden
kann:
- Arierparagraph
- Treueeid auf den Führer
- Verbot kirchlicher Jugendarbeit
- Proteste gegen Staatsverbrechen
- Verbot nicht bewilligter Kollekten
- Verbot von Bekenntnishochschulen
- theologische Veröffentlichungen gegen NS
- Verbot, Informationen der BK-Synoden von der Kanzel zu
verlesen
- Pius XI. schreibt am 14. März 1937 eine Enzyklika über die
Vertragsverletzung Deutschlands (Reichskonkordat) und prangert
Hitler an; Hitler regiert mit Propaganda zur Unterstützung von
Kirchenaustritten
- Wenig Widerstand der Kirche während des Krieges, der
,,Friedensbefehl'' Hitlers wird weitgehend befolgt
- Einzelne Persönlichkeiten treten als Schützer hervor, jedoch nie
grosse Teile der Kirche
- Pius XII. schützt in Klöstern und Kirchen 5'000 Juden, schweigt
jedoch zur Vergasung der Juden
Timeline
- 1929
- Lateranverträge des Vatikans mit Mussolini
- 1933
- Reichskonkordat des Vatikans mit Hitler
- Ende 1932
- : Preußische Kirchenwahlen, einen Drittel der Sitze
für ,,Deutsche Christen''
- 23. März 1933
- : Hitlers Regierungserklärung, Wichtigkeit der
christlichen Konfessionen bekräftigt
- Mai 1933
- : Gründung der Jungreformatorische Bewegung (JB)
- 26./27. Mai 1933
- Pastor Friedrich v. Bodelschwingh d.J. zum
Reichsbischof gewählt
- 23. Juli 1933
- Kirchenwahlen. 156 DC-Vertreter und 71 Vertreter
von ,,Evangelium und Kirche'' gewählt.
- September 1933
- Ludwig Müller zum Reichsbischof gewählt
- 6. September 1933
- Arierparagraph angenommen
- Ende September 1933
- Gründung Pfarrernotbund
- November 1933
- Generalversammlung der ,,Deutschen Christen''
- Januar 1934
- 7'000 von 18'000 Pfarrer im Pfarrernotbund
- Frühjahr 1934
- Bildung der Bekenntnisfront
- 29-31. Mai 1934
- 1. Bekenntnissynode
- Oktober 1934
- 2. Bekenntnissynode, kirchliches Notrecht verkündet
- 1935
- Hochschulen der bekennenden Kirche
- Februar 1936
- Bekenntnisfront spaltet sich auf Bekenntnissynode
- Mai 1936
- Radikaler Flügel der BK verfasst Dokument über die
Menschenrechtsverletzungen
- 14. März 1937
- Pius XI. schreibt Enzyklika. Vertragsverletzung
Deutschlands und Hitler angeprangert.
- 1
-
Eberhard Bethge.
Bekennen und Widerstehen.
Kaiser, Kaiser Verlag München, 1984.
- 2
-
Georg Denzler.
Widerstand oder Anpassung?
Piper, R. Piper GmbH & Co. KG, München, Sep 1984.
Katholische Kirche und Drittes Reich.
- 3
-
Robert P. Ericksen.
Theologen unter Hitler.
Hanser, Carl Hanser Verlag München Wien, 1986.
- 4
-
W. Jannasch, editor.
Deutsche Kirchendokumente.
Evangelischer Verlag A.G., Evangelischer Verlag A.G. Zollikon-Zürich,
1946.
- 5
-
Armin Sierszyn.
Vom Überlebenskampf der Kirche im Umfeld ideologischer Mächte,
volume 4 of Vier Bände, chapter 13, pages 367-384.
hänssler, Hänssler-Verlag, D-71087 Holzgerlingen, 2000.
Fußnoten
- ... neronisch1
- d.h. nicht für die breite Masse
sichtbar
- ... 132
- Kapitel aus dem Römerbrief von Paulus. Der Text nach der
Luther-Übersetzung von 1912:
1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.
Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit
ist, die ist von Gott verordnet.
2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes
Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil
empfangen.
3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den
bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der
Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben.
4 Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses,
so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie
ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der
Böses tut.
5 Darum ist's not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe
willen, sondern auch um des Gewissens willen.
6 Derhalben müßt ihr auch Schoß geben; denn sie sind Gottes
Diener, die solchen Schutz handhaben.
Patrice Neff <webmaster@patrice.ch>